Wilhelmstal: Die erfolgreiche Siedlung in West-Usambara

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

von Dr. Paul Rohrbach.

Haben die Leser von „Kolonie und Heimat“ schon etwas von „Tanganital“ gehört? Wenn nicht, so sollen sie nach Usambara gehen, eine kleine Rundtour durch das Farmgebiet am Fuss der Berge machen und als Abschluss die Bezirkshauptstadt auf der Höhe von West-Usambara besuchen; da kennen sie Tanganital. Es ist eine etwas kolonialdeutsch ausgefallene abkürzende Zusammenziehung der Namen der drei Bezirke Tanga, Pangani und Wilhelmstal, die zusammen das zukunftsreiche Pflanzungsgebiet in der Nordostecke von Deutsch-Ostafrika ausmachen. Wilhelmstal ist der einzige von den dreien, der ganz binnenländisch ist; er umfasst den grösseren Teil von Usambara, die südliche Hüllte des Paregebirges und ein Stück der Masaisteppe. Ich sagte vorhin „Hauptstadt“ und will gerne bekennen, dass dieser Ausdruck etwas vorgreifend ist, denn unser Bild von Wilhelmstal entspricht in der Tat rnoch nicht ganz den heimischen Ansprüchen an eine „Stadt“.

In Afrika verlangt man aber nicht so viel; mitunter ist man schon zufrieden wenn als erste Anweisung auf die künftige Stadt wenigstens das Hotel — sieht. Der „Sächsische Hof“ in Wilhelmstal ist ein gutes afrikanisches Hotel, wobei für Leute, die von einem Hotel Luxusgenüsse verlangen, bemerkt sein mag, dass der Ton in Afrika natürlich auf afrikanisch liegt. Hier ist man überhaupt froh, wenn man an einen Ort kommt, wo einmal das Expeditionsszelt nicht aufgeschlagen zu werden braucht und der Pischi nicht mit der stereotypen Frage erscheint, was er heute kochen solle.



Wilhelmstal liegt ungefähr 5 Grad südlich vom Aequator. Trotzdem ist die Frage des eintretenden Gastes mitunter nur zu berechtigt: Haben Sie heizbare Oefen? Die Meereshöhe beträgt fast 1500 Meter, und nur wenige Hundert Meter höher hinauf kommt in einzelnen Nächten bereits Reif vor. Um die eigentümlichen klimatischen Verhältnisse und die daraus entspringende Mannigfaltigkeit der Kulturmöglichkeiten in West-Usambara zu illustrieren, möchte ich eine kleine Erfahrung während meines Besuches im September 1908 erzählen. Ich machte mit meinen Reisegefährten, Herrn Dr. Junghann und seiner Gattin, unter freundlicher Führung vom Bezirksamt einen Spaziergang nach einer der nahe gelegenen sogenannten Kleinsiedlungen, worunter man sich natürlich nicht eine heimische Zwergwirtschaft mit wenigen Morgen Land, sondern dem Umfange nach ein Bauerngut von mittlerer Grösse vorstellen muss. Der Besitzer war, wenn ich nicht irre, ein Westfale und wirtschaftete seit einigen Jahren. Dieser Mann zeigte uns aut se nem Lande unmittelbar nebeneinander Roggen von 1,80 Meter Höhe, mit vollen schweren Aeliren, einen reichlich tragenden Kartoffelacker und eine junge Kaffeepflanzung. Ausserdem hatte er Gerberakazien gepflanzt und Hafer gesät; in unmittelbarer Nachbarschaft stand eine von der Forststation aus unternommene Versuchspflanzung von Kampier, dazu die Bananenschamben der Eingeborenen. Andere Ansiedler in der Nachbarschaft hatten auch mit Erfolg Tabak gepflanzt. Wir haben also die Tatsache vor uns, dass in dieser Höhenlage ausgesprochen nordische Gewächse, wie Roggen, mit rein tropischen Nutzpflanzen und subtropischen Bäumen zusammen gedeihen.

Die Gerberakazie ist in Australien heimisch und in Britisch-Südafrika akklimatisiert, der Kampferbaum ist auf der Tropeninsel Formosa zu Hause, und auch der Kaffee ist ein Kind des Erdgürtels zwischen den Wendekreisen. Natürlich bleibt solchen Beobachtungen gegenüber die Frage übrig: Werden sich all die Gewächse auf die Dauer akklimatisieren? Auf dem Hochlande von Kamerun z. B. und in Südwestafrika geben die Kartoffeln, die man aus Deutschland oder von den Kanarischen Inseln importiert, zunächst auch einen guten Ertrag, aber nach einigen Jahren degenerieren sie und haben nur noch ganz kleine Knollen, so dass immer w eder frische Saat eingeführt werden muss. Das bedeutet aber nichts weiter, als dass man sich mit der Zucht dcrarliger Gewächse so lange Mühe geben muss, bis man anpassungsfähige Sorten gefunden oder erzeugt hat.

Für jede Art afrikanischer Wirtschaft ist die Hauptfrage die, welche Verbindungen für den Absatz der Produkte geschaffen sind. Wilhelmstal und das Westusambaragebirge sind an den Verkehr durch eine Chaussee angeschlossen, die bei der Station der Usambarabahn Mombo beginnt und von hier über dasBezirks-amt bis zum Schumewald geführt ist. An diesem Strassenbau ist viel gesündigt worden, wie denn überhaupt das Kapitel Verkehrsstrassen, abgesehen vom Eisenbahnbau, zu dem unerfreulichsten in Ostafrika gehört. Wenn ich daran denke, was mir in Usambara und noch mehr am Paregebirge an Strassen begegnet ist und was die Ansiedler ausserdem davon erzählten, so kann ich wirklich nur aus vollem Herzen unterschreiben, was vor einigen Wochen auf der Stuttgarter Kolonialtagung von einem Redner ausgesprochen worden ist: in Ostafrika arbeite die Verwaltung der Besiedelung des Landes entgegen. Dabei sind die Ansiedelungsverhältnisse in den höheren Teilen des Bezirks Wilhelmstal nicht nur klimatisch, sondern auch in anderer Beziehung günstig. Der Urwald, der Westusambara in früheren Zeiten sicher auch bedeckt hat, ist von den Eingeborenen schon lange ausgerodet worden, und wo an seiner Stelle von Neuem Waldwuchs entstanden ist, da sind es meistens lichtere nieder-wald- oder buschähnliche Formen, wie sie unsere Bilder veranschaulichen, kein hochstämmiger Regenwald. Ausgedehnte Teile des Hochlandes zeigen gar keinen Baumwuchs mehr, sondern Grasweiden, die aber von den einheimischen Waschamba und Wambugu lange nicht ihrer Leistungs und Ertragsfähigkeit nach ausgenutzt werden. Vor drei Jahren war noch eine Menge Platz für Ansiedler. Die Strasse aber, die jetzt endlich fertiggestellt sein soll, war trotz jahrelangen Bauens nicht durchweg für Ochsen- oder Maultierfuhrwerk brauchbar, und an die unbedingt erforderlichen fahrbaren Nebenwege wagte überhaupt niemand zu denken. Was nützt es dem Kolonisten, wenn die Analysen für Gerberrinden 5 Proz. mehr Gerbstoffgehalt zeigen, als auf den Pflanzungen in Natal, was nützt es, wenn seine Milchwirtschaft, seine Schweinezucht und seine Maisfelder die schönsten Erträge geben, aber er hat keine Strassen? Auf Trägerköpfen kann er keine Kartoffeln und keine Rinde nach Mombo schicken.

Wilhelmstal hat ausser dem Bezirksamt noch Schutztruppe, Postamt, Forsthaus, das schon genannte Hotel „Sächsischer Hofe“, und eine Menge Läden, von denen einige von-Deutschen, die meisten von Griechen und Indern gehalten werden. Hier versorgen sich die umwohnenden Pflanzungen, und der Handel mit den gutgelöhnten eingeborenen Arbeitern der verschiedenen europäischen Betriebe blüht. Vor einigen Jahren hatte der damalige Bezirksamtmann, — er musste natürlich später aus dem Dienst ausscheiden und liess sich als Rechtsanwalt in Tanga nieder im Einverständnis mit den Missionen und den Ansiedlern eine höchst vernünftige Regelung der Eingeborenen-Arbeitsfrage getroffen. Es wurde angeordnet,dass jeder erwachsene Schwarze 90 Tage im Jahr Lohnarbeit anzunehmen habe. Die Wahl der Arbeitsstelle und der Arbeitszeit, sowie die Vereinbarung des Lohnes blieb ihm selbst überlassen; nur darüber, dass er überhaupt irgendwo gearbeitet hatte, musste er eine Bescheinigung bei-bringen. Damit haben die Leute mehr Geld verdient und es ist besserer Umsatz an Produkten- und importierten Artikeln erzielt worden, als je vorher; aber an leitender Stelle fiel über das von allen Teilen als nachahmenswert empfundene System das Wort: Es gemahne doch einigermassen an „Staatssklaverci“!

Jenseits Wilhelmstal liegt der landschaflliche und forstliche Glanzpunkt von Usambara: der berühmte Schumewald, dessen Zedernbestände von der Firma Wilkins & Wiese zur Ausbeutung gepachtet sind. Durch eine mächtige, im vorigen Jahr vollendete Drahtseilbahn werden die Hölzer von der Höhe des Gebirges zur Eisenbahn hinuntergeschafft.

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