Das Schicksal der deutschen Kolonien

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

— keiner versteht einen Braten so kunstreich zu zerlegen, als der Engländer, sei es nun der heimische Truthahn oder die ganze Erdkugel; die besten Stücke kommen auf seinen Teller.

Von Gouverneur Dr. Heinrich Schnee.

Im Versailler Frieden hat Deutschland zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf seine Kolonien verzichten müssen. Die letzteren sind unter die Mandatherrschaft der Siegerstaaten gestellt worden. Motiviert sind diese Massnahmen in der Hauptsache mit der schmählichen Behauptung, dass Deutschland sich unfähig und unwürdig gezeigt habe, Kolonien zu verwalten. Nach der einen Bestandteil der Friedensbedingungen bildenden Völkerbundssatzung ist „dasWohlergehen und die Entwicklung” der die Kolonien bewohnenden Völker „eine heilige Aufgabe der Zivilisation . Zur Verwirklichung dieses Grundsatzes ist die Vormundschaft über diese Völker an die fortgeschrittenen Nationen, die dazu am besten imstande seien, überragen worden, und zwar zum grösseren Teil an England und seine Dominions, zum kleineren an Frankreich, Japan und Belgien.

Wie hat sich nun die Lage der deutschen Kolonien unter der Mandatherrschaft gestaltet? Wie ist insbesondere die heilige Aufgabe der Zivilisation erfüllt und für das Wohlergehen der eingeborenen Völker gesorgt worden?

Das Material zur Beantwortung dieser Fragen entstammt naturgemäss überwiegend fremden Quellen, denn alle Deutschen snd — nur Südwest-Afrika ist hier ausgenommen — aus den Schutzgebieten vertrieben worden. Ihr Eigentum ist beschlagnahmt und liquidiert. Der Wiedereintritt ist ihnen verwehrt. Nur soweit Deutsche noch geraume Zeit über den Friedensschluss hinaus draussen zurückgehalten waren oder soweit einzelne Deutsche aus besonderem Anlass doch Koloniengebiete bereisen durften, konnten sie von dem erzählen, was die Mandatare dort getan haben. Aber die fremden Quellen, von denen neben gelegentlichen Aeusserungen von Neutralen amtliche Veröffentlichungen am wichtigsten sind — insbesondere sind amtliche Berichte, umfassend die Zeit von Kriegsbeginn bis Mitte 1921 von englischer Seite über das Tanganjika Territory (früher Deutsch-Ost-Afrika) und von französischer Seite über Kamerun und Togo veröffentlicht worden, — bieten doch zusammen mit den Berichten jener Deutschen eine genügende Grundlage, um zu einem Urteil zu gelangen.

Um es vorwegzunehmen: dieses Urteil kann nur vernichtend sein.

Ein kurzer Ueberblick über Deutschlands frühere Schutzgebiete mag dies zeigen:

In Deutsch-Ostafrika, dessen Hauptmasse an England gefallen ist, ist die europäische Bevölkerung von 6000 auf 2200 zurückgegangen. Das wirtschaftliche Leben liegt völlig darnieder. Die von den deutschen Pflanzern angelegten umfangreichen Plantagen (Sisal, Kautschuk usw.) sind in traurigster Weise verfallen und verwildert. Der Handel und Wandel im Lande stockt. Die Eisenbahn wird so wenig benutzt, dass nach dem amtlichen Bericht ein grosser Teil ihrer Stationen geschlossen werden musste und nur noch die für die Aufrechterhaltung des Betriebes unbedingt nötigen Stationen beibehalten sind. Die Eingeborenen verdienen nichts mehr, müssen aber trotzdem ihre Steuern in früherer Höhe bezahlen. Steuerbeitreibungen werden in rücksichtsloser Härte durchgeführt.

Das Urteil der Eingeborenen über die Engländer erhellt am besten aus einem Wort, welches nach einem Gewährsmann der „Times” (Empire Nr. vom 24. Mai 1921) in Ostafrika viel gebraucht wird: “The words of the German were fierce but his heart was right. The Englishman speaks to us smoothly, but bis tongue is crooked” („die Worte des Deutschen waren scharf, aber sein Herz war recht, der Engländer spricht sanft zu uns, aber seine Zunge ist krumm”).

Derselbe Gewährsmann erklärt, man könne ehrlicherweise nicht sagen, dass die letzten drei Jahre den Fortschritt der Zustände gesehen haben, den man vernünftigerweise habe erwarten können.

Wenn möglich noch übler als auf wirtschaftlichem sieht es auf kulturellem Gebiet aus. Die Einrichtungen, die die Deutschen für die schwarzen Schutzbefohlenen getroffen hatten, sind zerstört. Das gilt von den Schulen, das gilt grösstenteils von den Missionen, da die den Hauptteil der Missions arbeiten bildenden deutschen Missionare ausgetrieben sind, das gilt gans besonders auch von den sanitären Einrichtungen. Insbesondere ist die grossartige Seuchenbekämpfung vernichtet. Tier- und Menschenseuchen greifen um sich. Die Engländer haben bisher im besten Fall kümmerliche Anfänge gemacht, um das Zerstörte einigermassen wieder zu ersetzen. Es fehlt ihnen nach ihrem eigenen amtlichen Bericht auf allen diesen Gebieten an geeignetem und erfahrenem Personal, vor allem auch an Aerzten und Veterinären.

Das hauptsächlichste Gebiet der Schlafkrankheit am Tanganjikasee ist unter belgisches Mandat gefallen. Die Belgier, die schon auf ihrem eigenen Gebiet in Kongo der Schlafkrankheit nicht Herr werden konnten, sind natürlich keineswegs imstande, den Wegfall der grosszügigen deutschen Einrichtungen ausreichend zu er setzen. Die furchtbare tödliche Seuche breitet sich von neuem weiter aus.

In dem an Frankreich ausgelieferten Hauptteil Kameruns ist gleichfalls die deutsche Kulturarbeit vernichtet. Die von Deutschen geschaffenen Kakao- und sonstigen Pflanzungen sind verkommen. Sie sind nach Veitreibung der Deutschen in Zwangsverwaltung genommen. Der damit betraute Beamte hat aber infolge Mangels an europäischem und farbigem Personal den Betrieb nicht weitergeführt. Die Arbeiteranwerbung hat aufgehört. Schwarze werden nur noch als Träger für die wenigen Europäer angeworben, welche die Verwaltungsstationen bereisen. Der Handel ist auf ein Minimum reduziert, woran zwar die Weltkrise sicher auch ihren Anteil hat, was aber vor allem auf die Vertreibung der deutschen Kaufleute zurückzuführen ist. Eine „Errungenschaft” ist die Einführung der allgemeinen militärischen Dienstpflicht, die seit Juli 1919 für alle französischen Besitzungen in West-Afrika gilt. Nach einem Bericht des „Matin“ hat der französische Kolonialminister Sarraut einem Vertreter dieses Blattes erklärt, dass nach einer Entscheidung des Obersten Rates die französische Regierung Truppen in Kamerun und Togo ausheben und sie gegebenenfalls auch in Frankreich verwenden könnte.

Und was haben die Franzosen für die Eingeborenen Kameruns geleistet? Die deutschen Schulen einschliesslich der Missionsschulen sind geschlossen. Dafür sind einige französische Schulen aufgemacht, deren Hauptziel die Verbreitung der französischen Sprache ist. Selbst, Missionsschulen dürfen nicht die Eingeborenensprache zum Gegenstand des Unterrichts machen, sondern müssen ihr Hauptaugenmerk auf das Lehren der französischen Sprache richten. Was dabei hinsichtlich der Erziehung von Eingeborenen herauskommen wird, kann sich jeder vorstellen, der irgend mit Schul- und Missionswesen zu tun gehabt hat und weiss, dass nur durch Benutzung der Eingeborenensprache wirkliche Erfolge zu erzielen sind.

In Togo hat nach dem französischen amtlichen Bericht der Zwangsverwalter die — wenig zahlreichen — deutschen Pflanzungen weitergeführt. Nach französischen Zeitungsnachrichten sind gegen ihn in der französischen Kammer Anklagen wegen unlauterer Manipulationen erhoben, er hat schliesslich Selbstmord verübt.

In der Südsee hat das liebenswürdige Volk der Samoaner, das unter die Herrschaft der Neuseeländer Regierung gestellt wurde, ein tragisches Schicksal erlitten. Infolge der Nachlässigkeit der Neuseeländer wurde die spanische Grippe eingeschleppt und erlangte mangels sanitärer Hilfe eine solche Verbreitung, dass der vierte Teil der gesamten Bevölkerung dahingerafft wurde. Auch sonst hatten die Samoaner unter der entsetzlichen Misswirtschaft der Neuseeländer zu leiden. Sie richteten wiederholt Beschwerden an die Neuseeländer Regierung und suchten sich, als dies nichts half, durch einen Boykott selbst zu helfen. Schliesslich sandten sie eine Bittschrift an den englischen König, in welcher sie darum baten, sie von der Herrschaft der Neuseeländer zu befreien. Auch aus Samoa sind die Deutschen rücksichtslos vertrieben worden. Die Pflanzungen wurden in Regie genommen. Aber die eingeführten chinesischen Arbeiter wurden von den Neuseeländern nach Hause geschickt, ohne dass neue eingeführt worden wären. Die Pflanzungen werden von ehemaligen Soldaten verwaltet. Die Folge ist, dass alles verkommt.

Weniger als von dem Volk der Samoaner, die alle lesen und schreiben und sich durch Proteste der Welt bemerkbar machen können, wissen wir von den in der Kultur weiter zurückstehenden eingeborenen Bewohnern Deutsch Neu-Guineas. Wahrscheinlich ist es nicht, dass die in der Eingeborenenbehandlung gleichfalls unerfahrenen Australier, welchen das Mandat übertragen ist, viel besser verfahren, als die Neuseeländer in Samoa. Aber kein Protest der schreibensunkundigen, auf tiefer Stufe stehenden Eingeborenen gibt uns Kunde davon. Dafür klingen umso lauter die Klagen der von dort vertriebenen Deutschen an unser Ohr. Sie fühlen sich mit Recht durch die australische Regierung getäuscht. Der bald nach Kriegsbeginn zwischen der deutschen Verwaltung und den Australiern geschlossene Vertrag, hatte gegen Leistung des Neutralitätseide, den Deutschen in Neu-Guinea für die Dauer des Krieges die Unverletzlichkeit des Privateigentums gesichert. Hierdurch ist bei ihnen mit Recht die Zuversicht auf Erhaltung des Privateigentums auch beim Friedensschluss erweckt worden. Sie haben den ganzen Krieg hindurch auf das angestrengteste gearbeitet, die Anbaufläche bedeutend vergrössert und trotz grosser Schwierigkeitei die Ausfuhrmengen des wichtigsten Produktes, der Kopra, von 12,000 t im Jahre 1919 auf 25,000 t im Jahre 1920 gebracht. Ih Vertrauen ist auf das schmählichste gtäuscht worden.

Am 1. September 1920 wurden die grösseren und einige Monate spate die kleineren Unternehmungen enteignet. Doch nicht genug damit, wurden die Deutschen unter Androhung schwerer Strafe, rechtswidrig gezwungen, noch längere Zeit bis zu einem Jahr — für die Enteignungsbehörde zu arbeiten. Die Austreibung ging dann in rücksichtsloser Weise vor sich. Zur Zwangsverwalter der deutschen Pflanzungen ist ein ehemaliger Direktor der grosse australischen Firma Burns Philp und Co. bestellt worden, dessen ganze Politik darauf hinausgeht, dieser Firma die Monopolstellung im Lande zu sichern. Dies verstösse gegen den neben der Sorge für die Eingeborenen für die Mandatserteilung masgebenden Grundsatz der Sicherung gleiche Rechte für den Güteraustausch und Hand aller Mitglieder des Völkerbundes.

Noch schwieriger ist dieser Grundsatz hinsichtlich der kleinen Südseeinsel Nauru veletzt worden. Dieses winzige Eiland hat dadurch wirtschaftliche Bedeutung, das sich auf ihm ungeheure Phosphatlager befinden. England hat nun im Verein mit Australien und Neuseeland die Pacific Phosphate Co. ausgekauft, welche bisher die Lager ausbeutete, und die Phosphatausbeutung in eigene Regie genommen. Darauf wird zunächst unter Ausschliessung all anderen der Bedarf der drei Länder zu Selbstkostenpreis gedeckt und nur der verbleibende Rest an andere Länder abgegeben.

Aus den unter japanisches Mandat gelangten Südseeinseln nördlich des Aequators und aus Kiautschou sind gleichfalls alle Deutschen vertrieben worden.

Der kurze Ueberblick, den wir hier veröffentlicht haben, zeigt, dass in der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Kolonien durch die Mandatherrschaft das gerade Gegenteil von dem erzielt ist, was bei dieser Einrichtung beabsichtigt wurde, oder — wie man wohl besser sagen muss — was als Absicht angegeben wurde. Das Wohlergehen der eingeborenen Völker dieser Gebiete ist durch die Handlungen der Mandatsmächte nicht gefördert, sondern auf das schwerste geschädigt worden. Kein Unparteiischer kann leugnen, dass es allenthalben den Eingeborenen unter deutscher Herrschaft viel besser gegangen ist als unter der gegenwärtigen Mandatsherrschaft.

Die Gründe dieses völligen Versagens des Mandatssystems dürften, abgesehen von der Unfähigkeit kolonialunerfahrener Mandatare, wie der Neuseeländer, und dem natürlich verschiedenen Grade der Eignung der einzelnen Nationen für solche Aufgaben wesentlich darin zu suchen sein, dass die beiden in Betracht kommenden Hauptnationen, die Engländer und Franzosen, bereits vollständig mit Kolonien übersättigt sind. Sie haben nicht die Kräfte, vor allem an geeignetem Europäerpersonal, um ihren übermässig grossen eigenen Kolonialbesitz entwickeln zu können. Keinesfalls reichen ihre Kräfte dazu aus, um auch den neuen Mandatgebieten mit zahlreicher Eingeborenenbevölkerung die nötige Sorgfalt und Pflege zuteil werden zu lassen. Nur ein Wiedereintreten Deutschlands in seine unterbrochene Kolonialtätigkeit, ein Wiederindienststellen der reichen Kräfte, über welche Deutschland vor allem an Menschenmaterial verfügt, kann die verkommenden Kolonien wieder zu neuem Lehen erwecken, und das vom Völkerbund gesetzte Ziel der Pflege der Wohlfahrt der Eingeborenen verwirklichen.

Siehe auch::
Eine Straussenfarm in Deutschland
Wie der Neger in Togo wohnt
Deutsche Diamanten
Zur Frauenfrage in den deutschen Kolonien und andere Bekanntmachungen
Die Landesvermessung in Südwestafrika
Bilder aus dem Norden von Deutsch-Südwest: Namutoni
Koloniale Neuigkeiten
Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika
Das Deutsche Institut für ärztlich Missionen in Tübingen
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Die Kolonien in der Kunst
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Bierbrauerei der Eingeborenen in Afrika
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