I.

Viele Millionen glauben zur Aufführung des vierjährigen ungeheuren Dramas genügten die stehenden Heere, die entsprechenden Kriegserklärungen, die willigen Staatsmänner und Parlamente, die Munitionsfabriken, die Begleitmusik der Zeitungen und das straffe, unermüdliche Arbeiten der Hauptquartiere. Ihre Willigkeit, ihre Bereitschaft und Begeisterung von 1914 vergißt die Majorität dieser Millionen gern oder deutet sie einfach als Folge der Zeitungslektüre, nicht bedenkend, daß sie sich mit dem „Verführtwordensein“ selbst zu urteilslosen Kindern erniedrigen und damit z. B. ihr Wahlrecht in ein sehr fragwürdiges Licht rücken. Was die Begeisterung von 14 angeht, diese alles überflutende Begeisterung, so kann eine bloße Pressemache, sei es mit Lügen, sei es mit Wahrheiten, niemals dergleichen erzeugen, besonders nicht bei dem so leicht uneinigen, vielfach gegliederten deutschen Volke. Es gehört mehr dazu, eine Art von Bereitschaft, ein guter Boden für den Samen, die Möglichkeit eines Gleichklanges, das Gefühl — ob irrtümlich oder berechtigt — „es mußte so kommen“ und „es ist alles gut so“, die geheimnisvolle, Millionen erfassende Bejahung des Kampfes, der Not, der Gefahr, des Todes, der Führerschaft. Und ebensowenig genügen Gewöhnung, Trägheit, Zucht, Gewalt, Maueranschläge und Leitartikel, um jenes ungeheure Ringen an der Westfront jahrelang zu ermöglichen! Hier ist der Mensch selber entscheidend und nicht die Hauptquartiere und nicht die Presse und nicht der Zwang. Wer monatelang, jahrelang mit dem Tod lebt, mit ungeheuerlichen Entbehrungen, verlaust, verdreckt, der pfeift auf Maueranschläge und Leitartikel; davon ist sein Verhalten nicht abhängig. In der Tat, wie Weniges blieb verschont vom Spott und beißendem Hohn der Frontsoldaten, aber dennoch leisteten sie Ungeheuerliches! Als ich einmal bei einem englischen Durchbruch einem vorgehenden Infanteristen, der gemächlich dabei seine halblange Pfeife rauchte, zurief: „Mensch, du hast die Ruhe aber weg! Dort kommen die ersten Tanks. Siehst du sie nicht?‘, da meinte er grinsend: „Ob ich hier verrecke oder dort im Tal, das ist schnuppe.“ Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, diese nur beispielhaft gekennzeichnete Bereitschaft zum Tod — und welcher Frontmann kennt sie nicht! — sei allein mit Pressewahrheiten oder Lügen, mit Aufrufen und Befehlen zu erreichen. Keine Staatsmaschinerie, keine Presse und menschliche Gewalt ist allein imstande, Not, Gefahr, Verstümmelung und Tod so selbstverständlich, so banal zu machen. Das ging so weit, daß wir z. B. einmal drei faulende Leichen schrecklich verstümmelter Engländer nicht begruben. Sie interessierten uns nicht, sie gingen uns nichts an. Auch die Leichen waren banal geworden. Das ging so weit, daß die Division bei einer im Feuerbereich liegenden Lederfabrik einen Unterstand mit Posten einrichten lassen mußte, um zu verhindern, daß Frontleute die Fabrik betraten, denn sie ließen sich weder durch Mahnungen, noch durch die Leichen ihrer gefallenen Vorgänger davon abhalten, halbfertige Leder fetzen aus der Fabrik zu schleppen! Für ein paar Früchte, für Wein, für Zigaretten wurde das Leben eingesetzt. Wer da meint, dahinter stand die Not, der bedenke, daß auf französischer Seite sogar für Geld kleine Sturmangriffe gemacht wurden! Ich verschmähe es, solche Dinge als Friedensfreund leugnen zu wollen. Viele wagten auch ihr Leben, um einen kleinen Umweg zu vermeiden. In solchen Fällen kann wahrhaftig von Gewalt nicht gesprochen werden, im Gegenteil: die herrschende Gewalt mußte noch auf passen, um unnötige Opfer zu vermeiden. „Gasmasken nicht vergessen!“ „Stahlhelm aufsetzen!“ „Fenster verhängen!“ „Nicht sprechen!“ „Nicht die Straße benutzen!“ Jedermann kennt diese steten Ermahnungen. Tausende fielen nicht auf Grund von Befehlen, sondern — aus Gleichmut gegen den Tod. Wer das berichtet, der war nicht im Feld oder hat ein kurzes Gedächtnis. Wenn einmal ein Flieger, der den Gurt leergeschossen hatte, versuchte, seinem Gegner „die Kiste“ mit seinem Fahrgestell aufzureißen, gleich, ob er sich selber dabei „erledigte“, so lag auch hier nicht der geringste Zwang vor; er konnte mit Leichtigkeit landen oder fliehen, auch haßten sich die Kämpfenden keineswegs — die Stellung der Flieger zueinander ist bekannt — es lag eben nicht viel am Leben. Man mag dergleichen nennen, wie immer man will, entscheidend steht dahinter, daß Not, Gefahr und Tod banal wurden, daß Gesundheit und Leben in geheimnisvoller Weise an Bedeutung verloren hatten. Im Prinzip die gleiche Erscheinung wie etwa bei kämpfenden Ameisenvölkern — seltsamerweise scheinen nur Geschöpfe, die in Organisationen leben, den organisierten Kampf innerhalb der Gattung zu kennen — auch hier gilt der sonst so gemiedene Tod wenig mehr. Das Individium opfert mit erstaunlicher Bereitwilligkeit sein Leben, als habe ihm gleichsam ein Zaubertrunk ermöglicht, sein eigenes Wohl nicht zu achten. Die primitiv materialistische Methode ist nicht imstande, auch nur die phänomenale Tatsache zu deuten, daß Millionen Arbeiter — hier und dort — begeistert zu den Waffen eilten, obgleich sie kurz zuvor noch die schärfsten Gegner der Heeresmächte und Rüstungsindustrien waren. Sie fielen in einer grandiosen Weise um und lieben es heute, diese Tatsache entweder abzustreiten, oder mit Schweigen zu verhüllen. Jene, welche Kriegserklärungen vorbereiteten und abschickten, dürften sich mit Recht als Halbgötter betrachten, wenn von ihnen behauptet wird, sie allein hätten das ungeheuerlichste Drama der bisherigen Menschheit nicht nur verursacht, sondern auch vier Jahre lang mit einigen Handlangern ermöglicht! Wer aber dennoch diese unmögliche Behauptung aufrecht hält, der macht damit die Massen zu Haufen willenloser, urteilsloser Schwachköpfe und führt dergestalt das demokratische Staatsprinzip ad absurdum.

Und nochmals gesagt: Kriegserklärungen, Rüstungsindustrie, Maueranschläge, stehende Heere, Lügen oder Wahrheiten, Befehle, Gewalt und unermüdliche Arbeit der Hauptquartiere allein waren nicht imstande, das gewaltige Drama zur Aufführung zu bringen und besonders nicht vier Jahre lang spielen zu lassen.

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Phantastisches und Übersinnliches aus dem Weltkrieg

ZU DIESEM BUCH.

Seltsam, daß bisher noch niemand auf den Gedanken gekommen ist, einmal ein Buch zu schreiben, das sich mit den „Uebersinnlichen Dingen im Weltkrieg‘ befaßt. „Literarisch“ ist dieser Krieg in den letzten Jahren bereits fast bis zum Ueberdruß nach allen Richtungen hin „abgewandelt“ und „ausgeschlachtet“ worden, aber bisher ist ihm immer noch kein Edgar Allan Poe oder ein E. T. A. Hoffmann erstanden, um das Uebergrausige dieser furchtbaren Epoche in künstlerisch-versöhnende Form zu gießen ….

„Uebersinnlich“ ist vielleicht zu viel gesagt. „Unerklärlich“ trifft den Kern des Problems schon eher. Obgleich — bei Lichte betrachtet — sich wohl alles ganz „natürlich“ erklären läßt. Wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Denn das Schlußglied der überzeugenden Gegenbeweiskette will sich niemals ganz einwandfrei schließen. Ein Rest bleibt immer ….

Und um diesen „R e s t“ zu klären, darum geht es!

„Wahnsinn!“ werden selbstverständlich kurzerhand die Rationalisten aller Schattierungen sagen. „Weil es übernatürliche Dinge nie gegeben hat und niemals geben wird.“ „Weil die Menschheit es mittlerweile so unendlich weit gebracht hat, daß ihr in Kürze bald kein Geheimnis der Natur mehr verschleiert sein wird.“ „Weil Okkultismus, Spiritismus und Hellseherei, weil Träume, Vorahnungen und Prophezeiungen nichts weiter sind als die Religion der Armen im Geist.“ „Weil es Ehrenpflicht aller exakten Wissenschaftler und nüchternen Denker ist, gegen diesen

Unfug mit allen Mitteln Front zu machen.” „Weil . . . . weil …. weil . . . .‘ —

Zugegeben: auch i c h glaube nicht an übernatürliche oder okkulte oder an andere unerklärliche Dinge! Auch ich lege keinen Wert darauf, die bestehende Verwirrung der Anschauungen zu steigern, Zweifler zu bekehren und Anhänger für „Ideen“ zu gewinnen, die noch in keiner Weise spruchreif sind …. Im Folgenden werden lediglich Dinge und Ereignisse geschildert, die tatsächlich erlebt oder die von einwandfreien Zeugen überliefert wurden. Ich enthalte mich jeder Kritik und jeder Stellungnahme und überlasse es jedem Einzelnen, sich damit abzufinden oder dazu Stellung zu nehmen. Jeden überzeugenden Gegenbeweis werde ich als Gewinn buchen . . . Nur fürchte ich, daß es mit diesen „Gegenbeweisen“ hapern wird! Weil es eben trotz aller Schulweisheit zwischen Himmel und Erde doch wohl noch eine ganze Menge Dinge gibt, von denen wir resignierend eingestehen müssen: Ignoramus! Ignoramus! Ignorabimus!

Hans Trübst.

Anmerkung:

Dieses Buch wurde erst geschrieben bzw. die Texte gesammelt, nachdem es auffiel, daß es über den ersten Weltkrieg kein Buch über übersinnliche Ereignisse gab. Diese Ereignisse schienen einfach zu unglaublich um sie aufzuschreiben!
Das was passierte wird mit dem Begriff „das Übergrausige“ umschrieben.
Und dann fürchtet sich der Autor vor dem Begriff „übersinnlich“ und rettet sich zum Begriff „unerklärlich“! Und dann hätte er noch gerne eine natürliche Erklärung! Nur er hat sie eben nicht!
Was mich persönlich mit dieser Angst versöhnt, der Autor hat begriffen, das es Unerklärliches in der Welt gibt. Unerklärliches, das einfach nicht zu erklären ist!
Und trotzdem entschuldigt sich der Autor mit der Erklärung, daß er nicht an übernatürliche oder okkulte Dinge glaubt!
Um die Verwirrung nicht zu vergrößern gibt er nur Erfahrungsberichte wieder ohne sie zu bewerten!

Das, was kommt ist heftig:

  • Ein Leutnant wird vor einem Felsen gewarnt, den es in der dortigen Gegend eben nicht gibt und er sieht auf dem Marsch ins Gefecht, wer seiner Männer nicht zurückkommen wird!
    Den Felsen gibt es dann doch und er ist für den Kompagniechef eine wunderbare Deckung. Nur hört der auf die Warnung und erlebt dann, daß eine Granate unter dem Felsen explodiert, der dann „nach Hinten“ rollt und den Kompagniechef getötet hätte, hätte der nicht auf die Warnung gehört.
    Es überleben dann tatsächlich nur die Soldaten, die der Kompagniechef auf dem Marsch in die Stellung in einer kurzen „Zukunftsschau“ gesehen hatte!
  • Da gibt es einen Unteroffizier, der sich in stockdunkler Nacht auf die Schanze stellt; er kann da ja nicht getroffen werden und in gleichen Augenblick fällt er mit einem Kopfschuß zurück in den Graben.
  • Da gibt es einen Ort mit Namen Stecowa, der von den deutschen Truppen nicht erreicht wird. Sie können dort nicht übernachten. Es gibt eine wilde Schießerei und irgendwann begreifen die flüchtenden Reiter, daß es gar keine Verluste gegeben hat. Das ist bei einem Ort voll von Kosacken schon sehr selten! Und dann erfährt der Berichterstatter im Befehlsstand, daß dieses Dorf mit Fleckfieber verseucht ist und das dort keine Soldaten einquartiert werden dürfen!
  • Da gibt es in Frankreich einen Soldaten, der sich fürchtet in einen völlig zerschossenen Ort zu gehen. Als der Kompagniechef mitkommt findet der Soldat dort den Leichnam seines im Krieg 1870/ 1871 gefallenen Großvaters. Als er wieder hingeht, um die sterblichen Überreste seines Großvaters zu bergen läßt ihn der Kompagniechef ziehen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits begriffen hat, daß dieser Soldat nicht wieder zurückkehren wird.
  • Da gibt es Eifersucht um eine Frau. Ein Mann gewinnt, wie es immer ist. Der andere Mann ist eifersüchtig und veranlaßt den Gewinner eine metallene Medaille nicht offen zu tragen. Der Gewinner steckt die Medaille in die Brusttasche. Diese Medaille fängt hinterher eine Kugel ab und rettet dem Gewinner somit das Leben.
  • Da gibt es einen Kompagniechef, der nicht auf einen „Schreibstubenhengst“ hören will, der Vorkenntnisse hat, wo Geschütze nicht stehen dürfen. Der Kompagniechef bekommt einen Hormonschub, befieht die Einweisung der Geschütze auf die vorher bestimmte Stelle und das führt zum Totalverlust der Geschütze und schlimmer von zwanzig Soldaten!
  • Ein Maler hält sich zu Anfang des Krieges in Italien auf und eine innere Stimme zwingt ihn zu fliehen. Dazu stürzt er sich mit der ganzen Familie in einem kleinen Segelboot in einen Sturm und erreicht den rettenden Hafen. Von dort bekommt er Karten auf einem Luxusdampfer die er zurückgibt. Statt dessen nimmt er Karten für einen Seelenverkäufer und er erreicht die österreichische Küste. Der Luxusdampfer war vorher euf eine Mine gelaufen und mit Mann und Maus versunken!
    Was die Sache interessant macht: Die Familie hat nicht eine Sekunde gezögert, sich auf den Instinkt des Vaters zu verlassen. Der hatte seinen Instinkt bereits vielfach unter Beweis gestellt.

Damals (1932 und vorher) hat man sich im Zweifel verdächtig gemacht, wenn man zugab, solche Geschichten erlebt zu haben. Das erklärt ausreichend, warum dieses Thema erst so lange nach dem ersten Weltkrieg literarisch aufgearbeitet wurde.

Deshalb sind die Erlebnisberichte für mich auch völlig glaubwürdig! Zu genau einhundert Prozent.
Und an dieser Stelle sei gesagt: Selbst wenn fünfzig Prozent der Geschichten frei erfunden wären, würde das wenig an der Existenz dieser Berichte ändern. Sehr alte, in der Zwischenzeit verstorbene, Personen haben aus eigenem Erleben ähnliche Berichte abgegeben.

Diese Art der Erlebnisse hat es gegeben. In Kriegen scheint es diese Erlebnisse sehr häufig zu geben.

Ab Seite 11 wird diskutiert, was passieren muß, damit so viele Völker gleichzeitig so erpicht auf Krieg sind. Genau das scheint 1914 der Fall gewesen zu sein.
Der Auror dieser Zeilen, Ernst Johannsen, hat keine Erklärung. Es gibt sie aber: Schwarze Magie oder satanischer Einfluß! Nur kann man diesen Einfluß heute nicht mehr diskutieren! Satan hat scheinbar gewonnen!
Ich bestehe auf das Wort „scheinbar“! Die Begründung gibt es hier: https://archive.org/details/SchwabSatanGegenEinGebet

Der Eintrag des Buches in der Deutschen Nationalbibliothek ist fehlerhaft. Es wird der falsche Autor ausgeworfen, wie am Titelblatt und dem Vorwort leicht zu erkennen ist, wie es die PDF-Datei beweist.

Phantastisches und Übersinnliches aus dem Weltkrieg

Abbildungen Der Weltkrieg zur See in Bild

Abbildungen Karikaturen